Verletzlichkeit zeigen als Stärke sehen

Was ist eigentlich mit Verletzlichkeit gemeint?

Sich mutig mit all seinen Gefühlen zu zeigen, insbesondere mit Angst, Scham und Traurigkeit, mit dem Risiko, dass andere uns nicht mögen, uns nicht verstehen oder uns verletzen oder ablehnen könnten.

Warum fällt es uns schwer, uns verletzlich zu zeigen?

Viele von uns haben gelernt, Gefühle für sich zu behalten und sich nichts anmerken zu lassen, die Fassade wahren um das Umfeld nicht an unserem Inneren teilhaben zu lassen. Wir bewerten unangenehme Gefühle wie Scham, Angst, Wut oder Traurigkeit als nicht gesellschaftstauglich. Vielleicht auch aus Angst vor Ablehnung, wenn wir uns verletzlich zeigen. In einer Partnerschaft kann die Angst vor dem Verlassenwerden aufkommen. Viele Faktoren hindern uns daran, diese Gefühle zu zeigen und/oder auszudrücken. Manchmal können wir nicht anders als sie zu unter- oder wegdrücken. Je nachdem, wie wir und in welchem Umfeld wir aufgewachsen sind, ist unser Muskel «Gefühle zu zeigen» mehr oder weniger ausgebildet. Haben wir ein wohlwollendes Umfeld mit Anerkennung, Liebe und Wertschätzung gegenüber unseren Gefühlen erfahren, so sind wir später mehr mit uns verbunden und können uns authentisch zeigen. Haben wir zum Beispiel Abwertung, Vernachlässigung und Strenge erlebt, so kann das ein Nährboden für den Aufbau von Schutzmechanismen sein.

Als Kind sind wir auf ein wohlwollendes Umfeld angewiesen, das mit unseren Gefühlen sein kann und diese nicht be- oder abwertet. Das Gute ist, dass wir als Erwachsene lernen können, uns diesen Gefühlen zu widmen und zu kultivieren.

Was passiert in unserem Körper, wenn wir Gefühle unter- oder wegdrücken?

Das führt früher oder später zu einer Ansammlung von unterdrückter Energie im Körper, die nicht mehr weiss, wohin sie sich bewegen soll. Unterdrückte Energie heisst, gestauter Energiefluss im Körper. Was passiert in einem Aquarium, das nicht regelmässig geputzt oder mit frischem Wasser befüllt wird? Genau, es wird schmutzig. Durch das abgestandene Wasser verschlackt es zunehmend. Das passiert auch mit unserem Körper indem er zum Beispiel mit Muskelverspannungen, Rückenbeschwerden, Depressionen oder Angststörungen reagiert.

Wie gehst du damit um, wenn andere sich dir gegenüber verletzlich zeigen?

Menschen, die Verletzlichkeit anderer meiden, haben oft Schwierigkeiten mit ihrer eigenen Verletzlichkeit oder sehen dies als Schwäche. Sie fürchten einen Kontrollverlust und tun sich schwer mit echter Nähe und Empathie. In Beziehungen bewirkt dies, dass diese oberflächlich bleiben und echte emotionale Tiefe erschwert ist – oft aufgrund eigener Schutzmechanismen, die aus Angst vor Verletzungen entstanden sind.

Wie du das «verletzlich zeigen» kultivieren kannst?

Als Erstes ist es wichtig, dich zu beobachten, in welchen Situationen, welche Gefühle du in deinem Körper wahrnehmen kannst. Diese zu identifizieren ist manchmal nicht so einfach, denn sie tarnen sich.

  • Selbstannahme und Selbstmitgefühl

Gefühle annehmen, die gerade da sind, ohne dich dafür zu verurteilen. Sich selbst gegenüber mit wohlwollenden Worten zusprechen, wie du es mit einem guten Freund tun würdest. Fehler und Unsicherheiten dürfen sein.

  • Offenheit und Grenzen

Teile deine Gefühle und Sorgen mit deinen nahestehenden Personen. Schrittweise kannst du deine Offenheit steigern. Gleichzeitig ist es wichtig, gesunde Grenzen zu setzen und nicht alles mit jedem zu teilen.

  • Reflexion

Reflektiere die Situationen, in welchen du trotz Angst oder Unsicherheiten gehandelt hast. Das stärkt dein Selbstvertrauen für kommende Herausforderungen.

  • Empathie für dich und anderen üben

Wenn du jemand bist, der sehr gut für sich sorgen kann und sich schwertut, Hilfe anzunehmen, kannst du explizit Unterstützung anfordern in Situationen, in denen du gewohnt bist, es allein schaffen zu wollen. Wenn sich jemand gegenüber dir verletzlich zeigt, reagiere verständnisvoll. Das fördert eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens.

  • Positive Selbstzuwendung und notieren von positiven Erfahrungen

Beobachte deine selbstkritischen Gedanken und ersetze sie durch wohlwollende, unterstützende Formulierungen. Notiere dir die positiven Effekte aus Situationen, in welchen du dich bereits verletzlich gezeigt hast.

 

Was gewinnen wir, wenn wir uns verletzlich zeigen?

In Partnerschaften, Freundschaften oder in beruflichen Beziehungen entsteht so echte Verbindung, Nähe und Tiefe.